Klodeckel des Tages

12. Juli 2015

„Ich bin doch nicht blöd“: Bleibt der Euro, dann scheitert Europa!

Filed under: Tagesthema — Klodeckel des Tages @ 14:30
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Er hat gesagt, was viele Millionen denken. Respekt, Wolfgang Schäuble! Selten hat sich ein amtierender Spitzenpolitiker so deutlich dem gesunden Menschenverstand verschrieben wie der Bundesfinanzminister in diesen Tagen. Folgerichtig genießt Schäuble derzeit unter den deutschen Politikern das größte Ansehen. Dass jemand, der etwas zu verlieren hat, aus dem politischen Lügengebäude ausbricht, ist selten. Normalerweise trauen sich so etwas nur jene, die sich bereits aus der aktiven Politik verabschiedet haben. Einen „Grexit“ für fünf Jahre schlägt Deutschlands oberster Kassenhüter vor, nachdem die griechische Regierung ihren Geldgebern abermals einen wenig ambitionierten Maßnahmenkatalog vorgelegt hat. Viel neues Geld soll nach Athen fließen. Manche sprechen inzwischen von 100 Milliarden Euro, obwohl der griechische Hilfsantrag nur von der Hälfte dieser Summe ausgeht. Doch selbst das ist bereits ein gewaltiger Schluck aus der Pulle, der vor allem auf Kosten der europäischen Steuerzahler geht. Niemand glaubt ernsthaft, dass irgendein Euro, der den Weg nach Athen gefunden hat, je wiederkehrt. Ein mögliches drittes Hilfspaket sorgt daher inzwischen für gewaltiges Grummeln im völlig zerstrittenen Euro-Club.

Und so fühlt sich Frankreichs Staatspräsident Francois Hollande nun berufen, die Zügel an sich zu reißen. Frankreich macht sich vehement dafür stark, immer mehr Geld nach Griechenland umzuverteilen. Die französische Regierung hat den aktuellen Hilfsantrag der Griechen gar mit formuliert. Um dies zu verstehen, muss man wissen, wie stark Hollande unter dem Druck der Hardliner seiner sozialistischen Partei steht. Und natürlich weiß auch er, dass Frankreich bei einer Zuspitzung des Euro-Debakels selbst auf die europäischen Finanzspritzen angewiesen sein könnte. Ebenso wie Italien, von wo aus Regierungschef Renzi lautstark gegen Schäubles Vorschlag wettert. Es sind vor allem die beiden wackelnden Südstaaten, die Athen zur Seite springen. Weniger Portugal und Spanien, was nicht verwundert, gehören diese doch zu den Ländern, die ihre Staatsschuldenkrise zwar mit europäischer Finanzhilfe, aber vor allem mit schmerzhaften Reformen in den Griff bekommen haben. Letzteres ist auch den Ländern in Osteuropa und im Baltikum gelungen, die ebenfalls nicht einsehen, warum mangelnder Wille belohnt werden soll. Zwar haben Griechenlands Bürger bereits einen hohen Preis bezahlt, doch was nutzt dies in einem Land ohne funktionierendes Staatswesen?

Um derlei Fragen geht es aber schon nicht mehr. Längst steht die Zukunft Europas auf dem Spiel, das wieder einmal zum Spielball der Weltmächte geworden ist. Vor allem zum Spielball der Amerikaner, die über den Internationalen Währungsfonds kräftig mitmischen. Das enorme Interesse der USA am Euro-Verbleib der Griechen rührt von der Angst her, man könne seinen strategisch wichtigen Militärstützpunkt im Land verlieren und Griechenland unter russischen Einfluss geraten. Nicht wirtschaftliche oder gesellschaftspolitische Fragen bestimmen das Handeln, sondern knallhartes militärisches Kalkül. Der Euro ist zur Waffe mutiert. Und ganz nebenbei entfaltet er eine Wirkung, die jener der Versailler Verträge von 1919 immer ähnlicher wird. Nicht ohne Grund erhalten quer durch Europa Radikale aller Couleur Auftrieb. Der Euro ist eine der größten politischen Fehlentscheidungen der europäischen Geschichte. Je schneller sich die sogenannte politische Elite das Scheitern ihres Projekts eingesteht, umso besser für die Menschen auf dem Kontinent. Schäuble hat einen wichtigen Anstoß dazu geliefert. Es wird ein langer, dorniger Weg, aber wir werden ihn gehen müssen, um die Errungeschaften der letzten 70 Jahre zu verteidigen. Denn bleibt der Euro, dann scheitert Europa!

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10 Kommentare »

  1. Mein Kommentar sollte sich auf den Kommentar von Argonautiker beziehen. Die Nummerierung läuft hier anders, als gewohnt. Sorry! Es ist also nicht die #3 gemeint.

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    Kommentar von Elke — 13. Juli 2015 @ 19:13 | Antwort

  2. @#3

    Doch, der Euro ist die Ursache des Problems. Eine Gemeinschaftswährung unter ökonomisch so unterschiedlichen Staaten wie Griechenland und Deutschland kann nicht funktionieren. Eine Währung muss atmen (aso Auf- und Abwerten) können.
    Ohne Euro hätten die Griechen gar keine sooo hohen Schulden machen können. Als sie noch die Drachme hatten, mussten sie durchschnittlich 12 – 15 Prozent für ihre Staatsschulden bezahlen. Erst mit dem Euro bekamen die Griechen niedrige Zinssätze. Warum ist das geschehen? Weil die Marktteilnehmer dachten, dass Deutschland den Maßstab setzt. Die Griechen hat es wohl dazu veranlasst, einen viel zu kräftigen Schluck aus der Geldpulle zu nehmen. Die Lohnsteigerungen waren in Griechenland nach Einführung des Euro exorbitant. Die griech. Regierung hat so viel Fehler gemacht, dass man es nicht für möglich halten sollte. Aber es herrschte dort die Meinung vor: Deutschland zahlt immer!
    Jetzt haben wir den Geldsozialismus! Wenn die heutigen Beschlüsse durch den Bundestag gehen, ist die Transferunion perfekt. Bedenkt man, dass selbst in Deutschland nur 3 Geberländer vorhanden sind, könnte man sagen, dass Hessen, Bayern und Baden-Württemberg den EUro-Raum retten sollen. Das wird NICHT gelingen! Prof. Hankel hat recht: man spannt kein Rennpferd mit einem Muli vor den selben Karren! Griechenland benötigt einen Schuldenschnitt, seine eigene Währung und viel Zeit.

    Diese EU sorgt nur für die Verarmung breiter Bevölkerungsschichten und alle Gutmenschen werden es irgendwann an ihrer eigenen Rente merken.

    Lesen Sie auch mal hier mit:

    http://www.wissensmanufaktur.net/media/pdf/griechenland-staatsschulden.pdf

    http://www.mmnews.de/index.php/wirtschaft/48705-euro-der-untergang-des-abendlandes

    Die Bücher von Prof. Hankel und Prof. Schachtschneider sind ebenfalls empfehlenswert. Genauso das Buch von Prof. Starbatty: Tatort Euro

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    Kommentar von Elke — 13. Juli 2015 @ 19:11 | Antwort

    • Sehr richtig analysiert. Und darüber hinaus bleibt festzustellen,dass der Euro eine kriegstreibende Währung ist, weil er zusammenzwingt, was nicht zusammenpasst.

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      Kommentar von Klodeckel des Tages — 13. Juli 2015 @ 19:19 | Antwort

  3. Dann wollen wir mal hoffen, daß der € möglichst schnell möglichst gründlich und alternativlos scheitert.
    EUdSSR verrecke!

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    Kommentar von Florian Geyer — 13. Juli 2015 @ 18:58 | Antwort

  4. #grexodus: die macht der dilettanten:
    vom #grexit zum #grexodus‬: die euro-zone erzielt eine fragwürdige einigung, aber merkelt die eurokrise weiter stur, unbelehrbar und dilettantisch durch europa. merkel und schäuble sind die totengräber des euros und europas. das erste nicht systemrelevante opfer wird griechenland sein. gnade den europäischen bürgern.
    der mutigen minderheit, den griechen und ihrer neuen regierung, bin ich dankbar. sie haben offengelegt, dass die austeritätspolitik der euro-zone von den europäischen bürgern alles abverlangt, nur um die finanzmächte und konzerne zu stärken. placebos als hilfsprogramme für die “reformländer” sollen von der eigentlichen krise ablenken.
    https://campogeno.wordpress.com/2015/07/13/grexodus-die-macht-der-dilettanten/

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    Kommentar von aussteiger geno — 13. Juli 2015 @ 11:28 | Antwort

  5. Nicht nur die wirtschaftliche schwäche Griechenlands, auch die wirtschaftliche Stärke Deutschlands ist das Problem der Währungsunion und führt zunehmends zur Verschuldung.
    Daher folgender Lösungsvorschlag:
    Als Alternative zur politischen Union innerhalb Europas werden in der Währungsunion Kapitalverkehrskontrollen eingeführt, zusätzliche Maßnahme:
    Deutschland bekommt den DeEuro, Kurs: 1,10 Euro = 1 DeEuro,
    Griechenland bekommt den GrEuro, Kurs: 0,50 Euro = 1 GrEuro.
    In Abhängigkeit vom Import-/Exportverhältnis und der Neuverschuldung des jeweiligen Landes korrigiert die EZB in zyklischen Abständen den Kurs DeEuro/Euro und GrEuro/Euro.

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    Kommentar von Hans — 13. Juli 2015 @ 07:48 | Antwort

  6. Der Euro ist mit nichten Ursache des Problems. Kein Ding hat aus sich je eine Motivation gehabt, also auch keine Währung. Es sind Menschen die den Euro benutzen, die diese Krise erzeugen. Deren Motivation ändert sich aber nicht, durch das Ändern einer Währung. Es sind Werkzeuge. Ändert man die Werkzeuge, dann benutzen die, welche die Motivation haben Europa in die Krise zu führen, halt diese neuen Werkzeuge.

    Zugegeben, es gibt Werkzeuge die sich besser oder schlechter als Waffe eignen, aber es sind trotzdem nur Werkzeug. Wenn man etwas ändern wollte, dann müßte man die Menschen, welche diese Dinge als Waffe benutzen stoppen, weil eben dort die Motivation liegt.

    Bei dieser Aussage Schäubles, könnte sich also um nichts anderes, als um die Vorbereitung zu einer Währungsreform sein. Ob sich dieses „neue Handelswerkzeug“ also die eventuell neue Währung, nun noch besser zur alles kontrollierenden Waffe eignet, bliebe abzuwarten. Was sie jedenfalls nicht tun wird, ist, die Motivation derer ändern, die Europa derzeit in die Krise drängen.

    Schönen Gruß

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    Kommentar von Argonautiker — 12. Juli 2015 @ 23:59 | Antwort

  7. Eigentlich habe ich immer noch die Worte von Merkel in den Ohren: Scheitert der Euro, dann scheitert Europa. Was ist geschehen?

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    Kommentar von Mineli — 12. Juli 2015 @ 21:52 | Antwort

  8. […] von: Klodeckel des Tages […]

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    Pingback von “Ich bin doch nicht blöd”: Bleibt der Euro, dann scheitert Europa! — Opposition 24 — 12. Juli 2015 @ 16:35 | Antwort

  9. […] “Ich bin doch nicht blöd”: Bleibt der Euro, dann scheitert Europa! […]

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    Pingback von “Ich bin doch nicht blöd”: Bleibt der Euro, dann scheitert Europa! - Der Blogpusher — 12. Juli 2015 @ 15:11 | Antwort


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